Krankenhaus-Cappuchino

Liebe Grüße aus dem Wartezimmer eines Shanghaier Krankenhauses! Clickbait genug?

In den letzten zwei Wochen haben wir erstaunlich wenig erlebt. Arbeiten, nach Hause kommen, essen, schlafen. Vom 12. zum 13. August wollten wir endlich mal wieder aus diesem Trott ausbrechen und sind nach Lishui gefahren. Bei Lishui gibt es schöne Berge, in denen Reis in Terrassen angebaut wird.

Am Samstagmittag fuhren wir also drei Stunden mit dem Zug nach Lishui, um von dort aus mit dem Fernbus nach Yunhe weiterzufahren, wo die Berge liegen. Besagter Bus fuhr laut mehreren Websites nur vom Westbahnhof Lishuis ab, daher gurkten wir mit den Stadtbussen ans andere Ende der Stadt, wo uns der Busfahrer eröffnete, dass der Fernbus nach Yunhe neuerdings vom Hauptbahnhof aus fährt. Also wieder zurück zum Ausgangsort! Nach unserer unfreiwilligen Stadtrundfahrt saßen wir endlich im richtigen Bus und haben die Stunde Fahrt nach Yunhe schlafend verbracht. In Yunhe haben wir schön Abendbrot gegessen und uns dann auf die Suche nach einem Taxi, Bus oder einer Rikscha gemacht, die uns zu unserer Unterkunft in den Bergen bringen sollte. Dann der Schock: Die einzige Möglichkeit war das Taxi, und die Taxifahrer wollten kein Taxameter anstellen, sondern uns über 20€ abknüpfen! Und das für 7 km Fahrt laut Google Maps. Nachdem ich ein bisschen auf Chinesisch rumdiskutiert und entschieden auf das Taxameter gezeigt hatte, stimmte einer der Taxifahrer brummelnd zu, uns zum Hostel zu fahren. Nach den erwarteten 7 km (ohne Hostel in Sicht) dämmerte uns, dass es wesentlich weiter entfernt sein musste. Nach mehreren Telefonaten des Taxifahrers mit unserem Hostel und insgesamt 22 km Fahrt standen wir in den Bergen in völliger Dunkelheit vor einer Sackgasse. Keine Sorge, genau das war unser Ziel: Ein Bergdorf, bestehend aus ein paar Häusern, einem Fluss und ein paar gepflasterten Gässchen, die die Häuser miteinander verbinden. Laut Taxameter müssten wir für diese Fahrt knapp 20 Yuan, also 3 € bezahlen, stattdessen forderte unser Taxifahrer seine 20 €. Während ich rumwütete, kramte Marvin sein Portemonnaie heraus und gab dem Taxifahrer knapp 13 € aus Mitleid. Die nahm der Taxifahrer dann auch ohne Mucken an. Klar, 3 € sind viel zu wenig für die Strecke, aber warum passt man dann nicht generell die Tarife an, sodass die Taxifahrer ohne Bescheißen über die Runde kommen können?

Zum Glück kam dann schon ein Mann vom Hostel angelaufen, um uns mit seiner Taschenlampe abzuholen. Das Dorf konnte nur erlaufen werden und wirkte sehr malerisch. Im Hostel wurden wir sofort ins Bett geschickt, da am nächsten Morgen um 4.30 Uhr die Fahrt zu den Reisterrassen angeboten wurde.

Sonntagmorgen wurden wir und noch zwanzig chinesische Touristen wieder aus dem Dorf getrieben und in Autos verfrachtet, die uns wenige Kilometer weiter zu einem speziellen Besichtigungspunkt brachten. Dort standen wir also über den Reisterrassen und konnten während des Sonnenaufgangs beobachten, wie aus den verschiedenen Grautönen sattes Grün und Blau wurde. Nach knapp zwei Stunden hatten wir uns satt gesehen und wurden wieder ins Hostel zurückgebracht. Jetzt hätten wir die Chance nutzen und das hübsche Bergdorf erkunden können…stattdessen zogen wir ein ausgedehntes Nickerchen vor, bis uns ein Taxi abholte und ohne Umwege zurück nach Lishui an den Hauptbahnhof brachte. Während der Fahrt sahen wir die Berge das erste Mal im Licht und uns ist aufgefallen, dass wir überall von Reisterrassen umgeben waren! Selbst um das Hostel drumherum 😀

Dann folgte wieder eine Woche Arbeit. Nachdem Marvin sich letztes Mal aufgeregt hatte (und er würde es auch dieses Mal wieder tun: Er darf inzwischen englische Texte seiner chinesischen Kollegen korrigieren, die so schlecht geschrieben sind, dass Marvin manchmal nicht versteht, was sie eigentlich vermitteln wollen), dachte ich, dass ich von meinen positiven Erfahrungen berichten sollte. Meine Ausbilderin heißt Joyce, sie war vor der BASF mehrere Jahre in einem amerikanischen Unternehmen angestellt. Dementsprechend gut kann sie Englisch sprechen, und dementsprechend westlich ist ihre Art. Neben Joyce hat noch Kollege namens Leon mit mir zu tun. Leon ist 28 und kommt eigentlich aus Hong Kong. Für die Unwissenden unter euch: Hong Kong war jahrzehntelang eine britische Kolonie und wurde erst 1997 an China zurückgegeben, unter der Prämisse, dass Hong Kong autonom bleiben und eine freie Marktwirtschaft beibehalten darf. Leon war mehrere Jahre an einer Schule in Großbritannien und ist in China eigentlich genau so ein Ausländer wie ich auch. Mit Joyce und Leon kann ich mich sehr gut über verschiedenste Themen unterhalten, sogar über Politik, das eigentlich in China ein rotes Tuch ist (ha, im wahrsten Sinne des Wortes ;D). Die beiden versuchen mir Aufgaben zu geben, die mich fordern und fördern und gleichzeitig einen Nutzen für ihre Abteilung bringen. Also darf ich beispielsweise einen Produktkostenrechner programmieren.

Letzten Freitag hat Marvin endlich die zweite Hälfte seines Weihnachtsgeschenks eingelöst. Die eine Hälft davon war der Besuch auf dem Oriental Pearl Tower gleich zu Beginn unseres Aufenthaltes, und jetzt stand noch ein romantischer Restaurantbesuch im Din Tai Fung an. Stattdessen bestand der Herr auf das Tock’s, ein kanadisches Restaurant, in dem man seeeehr viel Fleisch essen konnte. Also haben wir uns darauf geeinigt, am Samstag mit unseren Freunden ins Din Tai Fung zu gehen.

Das letzte Wochenende blieben wir in Shanghai. Als wir am Samstag in die Metro stiegen, um Mitbringsel kaufen zu fahren, wurde Marvin auf einmal schlecht. Und seitdem wurde es nicht besser. Ich habe ihn nach Hause gebracht, und das Bett hat er seitdem nicht mehr verlassen – bis heute. Wir haben ihm schön Fotos aus dem Din Tai Fung geschickt, am Sonntag war ich ohne ihn Kleider shoppen und nachmittags im Tempel Jing’an. Abends durfte er sich über eine Modenschau und die Fotos vom Tempel freuen. Gestern war ich auf Arbeit und als ich zurückkam, lag Marvin noch immer lethargisch im Bett. Noch nicht mal das trockene Toast, das ich ihm mitgebracht habe, konnte ihn oder seinen Magen aufmuntern. Unsere Koordinatorin aus Deutschland besteht darauf, dass Marvin eine Krankmeldung vorzeigt und sowieso braucht er bei seinem Fieber Medikamente. Also wurde ich heute (einfach so!) freigestellt, um Marvin zu einem westlichen Krankenhaus zu bringen. So sitze ich nun hier, schlürfe kostenlosen Cappuchino (bei mehreren Hundert Euro Sprechstundenkosten ist das auch angebracht!) und warte, bis Marvin untersucht wurde. Zum Glück wird die Auslandskrankenversicherung die Kosten übernehmen.

Inzwischen sind wir wieder zuhause. Marvin liegt in seinem Bett, vollgepumpt mit Paracetamol und anderen Medikamenten und ist die komplette Woche krankgeschrieben.  Ich kann also die besorgte Leserschaft beruhigen. Marvin wird lebendig nach Deutschland zurückkommen!

Liebe Grüße,
Marvin und Sophie

Begeisteruuuung

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  1. Ulrike sagt:

    Gute Besserung!

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